Vier Tatzen, weißes Fell, schwarze Nase, großes Maul … Das war definitiv ein Eisbär, der uns
anschaute.
Er knurrte erneut.
Warum war hier ein Eisbär? Gab es im Winterland überhaupt Eisbären? Oder war es irgendeine Art
Fabelwesen? Ich merkte, dass ich ziemlich wenig Ahnung von Winterland und seinen Bewohnern
hatte. War der Eisbär, oder was auch immer er war, gefährlich? Hatte er es auf uns abgesehen?
Oder waren wir nur in sein Gebiet eingedrungen?
All diese Fragen schossen mir durch den Kopf, als ich den Bären zum ersten Mal anblickte. Ale er
jetzt erneut knurrte, zwei Schritte auf uns zu machte und sogar Anstalten machte, sich auf die
Hinterpfoten zu stellen, bekam ich es mit der Angst zu tun. Der meinte es sicher nicht gut mit
uns.
Deshalb aktivierte ich instinktiv meine Magie und formulierte einen Gedankenwunsch: ›Ich
wünschte, dieses Wesen wäre uns wohlgesonnen und ganz freundlich.‹
Sofort wirkte die Magie. Die Luft schien für einen Moment zu flimmern, dann wich der Eisbär
einen Schritt zurück.
»Puh, Glück gehabt!«, meinte Luna.
»Das war Linas Magie«, sagte meine Schwester. »Dem bringst du aber nicht das Reden bei, oder?«,
fragte sie an mich gerichtet. Mit einem Schmunzeln dachte ich an den sprechenden Alphawolf
zurück.
»Wie meinst du das?«, fragte Luna.
Ich schlug mir mit der Handfläche auf die Stirn. »Ach ja, wir haben dir noch gar nicht erzählt,
wie wir hierher nach Winterland gekommen sind … Na ja, wir haben jetzt beim Wandern ohnehin
nichts zu tun – also hör gut zu!«
Während wir von unseren Erlebnissen zu Weihnachten erzählten, stapften wir weiter über die
dichter werdende Schneedecke. Langsam erhoben sich schneebedeckte Felswände zu unseren Seiten.
Wir liefen in eine Schlucht hinein.
Als wir unsere Erzählung beendet hatten, staunte Luna nicht schlecht. »Ich beneide euch so um
eure tollen magischen Fähigkeiten! Im Vergleich zu euch kann ich als Junghexe gar nichts und
werde auch nie so gut sein wie ihr!«
»Das kommt schon noch!«, beruhigte ich sie. »Du wirst genug Gelegenheiten bekommen, deine Magie
zu üben. Und eines Tages wirst du eine berühmte Hexe sein.«
Wir folgten weiterhin Lunas Pfeilen. Sie waren ganz verschieden, da Luna, wie sie erklärte, eine
Mischhexe war – sich also aller vier Naturgewalten Erde, Feuer, Luft und Wasser bedienen konnte.
Deshalb fanden wir einmal sogar eine Pfeilwolke.
Doch jetzt standen wir vor einem Rätsel. Vor uns waren mehrere Pfeile, die als Kreis angeordnet
auf eine Stelle im Schnee zeigten.
»Ich glaube, hier geht es unterirdisch weiter«, vermutete Louisa.
Ich überzeugte Luna, ihre Magie einzusetzen, um den Schnee zu schmelzen. Luna holte das kleine
Hexenbuch heraus, das sie immer mit sich herumtrug und blätterte kurz darin. Dann zog sie ein
paar Kräuter aus ihren Gürteltaschen und murmelte ein paar magische Worte. Und es veränderte
sich …
… nichts. Oder doch?
Louisa tunkte ihre Hand in den Schnee und schüttelte den Kopf. »Luna! Das ist kein Schnee mehr.
Das ist Schlagsahne! Und zwar schon sauer gewordene!«
Jetzt roch ich es auch. Ein beißender Geruch breitete sich aus.
Luna schaute ziemlich bedröppelt drein, also versuchte ich, sie ein wenig aufzumuntern. »Wenn
jemand nach saurem Schlag fragt – das kriegst du perfekt hin, Luna!« Jetzt musste sie auch
grinsen.
Gemeinsam schaufelten wir den Schlag weg und legten so ein Erdloch frei, fast schon einen
Schacht, der ziemlich steil nach unten führte.
»Gut! Los geht’s!«, rief Louisa und kletterte in das Loch.
»Warte!«, rief ich, aber sie war schon nach unten verschwunden.
Na gut. Dann musste ich ihr eben nach.
Mit den Füßen voraus stieg ich in den Schacht und schob mich tiefer nach unten. Schon konnte ich
mich nicht mehr halten und rutschte los.
Immer schneller wurde ich, und schließlich drang nicht mehr ein Rest Tageslicht von oben zu mir.
Es war stockdunkel.
Wohin dieser Tunnel wohl führen mochte?