»Schnell!«, brüllte ich. »Da hat doch jemand geredet!«
So schnell ich konnte, sprang ich von meinem Heuballen auf und rannte in die Mitte der
Lichtung.
»Pass auf, dass das Feuer nicht auf den Wald überspringt!«, warnte mich Louisa.
Noch in vollem Sprint beschwor ich meine Magie herauf und konzentrierte mich auf meinen Wunsch.
Augenblicklich wurden die Flammen kleiner.
Leider hatte ich mich ›zu‹ sehr auf die Magie konzentriert. Ich übersah einen Stein und
stolperte darüber. Zum Glück war die Wiese weich.
»Alles okay?«, fragte Louisa besorgt und half mir auf.
»Geht schon …«, brabbelte ich. Ein bisschen schwindelig war mir noch, aber das verflog nach
kurzer Zeit.
Meine Schwester hatte indessen auch ihre Magie aktiviert. Sie feuerte Magieblitze auf die noch
brennenden Strohhalme und überzog sie mit Wasser. Jetzt war auch das letzte bisschen Feuer
erloschen.
Keuchend und hustend trat eine Gestalt aus den verkohlten Überresten.
»Mist! Das war jetzt schon das vierte Mal diese Woche!«, fluchte ein Mädchen, das von oben bis
unten mit schwarzem Ruß überzogen war. »Das darf doch nicht wahr sein.«, murmelte sie weiter,
während sie versuchte, ihre schwarz angelaufene Brille an ihrem rußigen Pullover abzuwischen.
Dann erst erblickte sie uns und setzte sich die einigermaßen saubere Brille wieder auf. »Oh,
danke. Ihr habt mich gerettet. Und den Wald gleich dazu.«
»Keine Ursache«, erwiderte ich. »Wer bist du eigentlich?«
»Ich bin Luna. Eine Junghexe. Und eine nicht besonders gute, wie ihr gemerkt habt.« Sie deutete
mit weit ausholender Geste auf das Chaos, das sich auf der Waldlichtung ausgebreitet hatte.
»Was ist denn passiert?«, fragte Louisa. »Und wie, Junghexe? Du bist doch ein normales Mädchen,
oder?«
»Tja. Am besten, ich fange von ganz vorne an. Das ist nämlich gar nicht so leicht zu erklären.«
Sie hockte sich auf einen Strohballen.
»Also: Ich bin tatsächlich eine Hexe, weil meine Mama eine ist.«
»Wirklich? Aber---«, warf Louisa ein.
»Lass mich zuerst fertigerzählen, dann wirst du alles verstehen. Ihr habt jetzt wahrscheinlich
ein völlig falsches Bild von uns Hexen. Aber das stimmt nicht. Üblicherweise schauen wir wie
normale Menschen aus. Nur manchmal, wenn jemand der Natur schaden will, können wir uns in diese
Schreckgestalten verwandeln, für die wir oft gehalten werden. Aber die sind wir wirklich nur,
wenn wir die Natur beschützen. Leider hat sich in letzter Zeit irgendetwas verändert.
Meine Mama ist sonst die Freundlichkeit in Person. Sie ist immer nett. Doch seit einigen Tagen
hat sie gelben Schaum vor dem Mund. Seitdem ist sie immer in ihrer Schreckgestalt. Und sie
schützt nicht die Natur, sondern greift wahllos Dörfer an, zusammen mit anderen Hexen.
Und das Schlimmste ist: Vorgestern hat sie mich attackiert, mich, ihre eigene Tochter! In dem
Moment habe ich beschlossen, nicht auf den Hexenunterricht zu warten, sondern mir selbst alles
beizubringen. Und das funktioniert nur so mittelmäßig …«
Ich staunte: »Wow! Das ist ja ein Ding.«
»Also glaubst du, der gelbe Schaum macht die Hexen so wild?«, überlegte Louisa.
»Gut mögl---«
Sie wurde von Larissas Stimme unterbrochen, die knackend aus den Muscheln tönte. »Ich glaube,
ich weiß, was das Gelbe ist. Und vielleicht auch, wie man es wieder wegbekommt.«