»Was war das?«, stammelte Louisa erneut.
Ich überlegte laut: »Was, wenn der Dunkle Magier es tatsächlich geschafft hat, aus der
Verbannung auszubrechen?«
»Wohl eher nicht.« Louisa schüttelte den Kopf. »Er hätte sich uns gezeigt, allein um uns zu
zeigen, dass wir ihn nicht aufhalten können.«
»Aber wenn er sich irgendwo versteckt, um einen Plan auszuhecken?«
»Hm. Ja, gut – kann sein. Aber im Moment sollten wir uns mehr auf die Hexen konzentrieren! Komm
weiter, Lina.«
Der Schatten war längst in der Ferne verschwunden.
Nach einem kurzen Fußmarsch in die warme Zone hatten wir die Siedlung erreicht. Es war wirklich
kein schöner Anblick. Anscheinend waren mehrere Hexen mit verschiedenen Fähigkeiten am Werk
gewesen. Ein Teil der Häuser rauchte und war leicht angebrannt, ein anderer Teil des Dorfes
stand unter Wasser, in einem dritten Teil hatte allem Anschein nach ein Wirbelsturm gewütet, und
der Rest war mit Schlamm überzogen.
»Wo sollen wir da bloß anfangen?«, stöhnte Louisa.
Wir beschlossen, zuerst bei den stärker betroffenen Häusern zu helfen. Das waren definitiv die,
die angezündet wurden. Überall in den Straßen wuselten Menschen und Fabelwesen herum,
beschimpften sich, rannten händefuchtelnd herum, schleppten Hausteile durch die Gegend oder
boten brüllend ihre Werkzeuge und Ersatzteile preis.
»Was ist denn passiert?«, fragte Louisa eine Frau, die zwischen zwei angekokelten Häusern in
einer Gasse stand.
»Es war schrecklich! Auf einmal zog eine riesige Feuerwand durch unser Viertel. Ohne dass wir
vorbereitet waren! Ich konnte nichts tun. Mein Mann hat gerade die Kinder in Sicherheit
gebracht, jetzt ist das Haus fast abgebrannt!«, kreischte die Frau. »Und dann sind die Hexen
aufgetaucht! Schrecklich sahen sie aus, furchterregend, kohlrabenschwarz! Rote Augen hatten sie,
und gelben Schaum um den Mund – wenn man das überhaupt als Mund bezeichnen kann! Grauenhaft!«
Schnell eilten wir weiter, bevor sie noch weiter zetern konnte. In der Nähe schwelgte noch eine
Hütte. Davor standen einige Kobolde, die mit Hilfe einer Eimerkette Wasser aus dem überfluteten
Gebiet schöpften. Mir kam eine Idee: »Ich werde versuchen, einen Schlauch vom
Überschwemmungsgebiet bis hierher zu zaubern. Dann helfen wir beiden Gebieten gleichzeitig!«
»Gute Idee«, bestätigte Louisa.
Ich konzentrierte mich auf die Magie und dachte: ›Ich wünschte, hier wäre ein Schlauch, der
alles Wasser aus der Überschwemmungsregion ansaugt und hierher leitet, damit man das Feuer
löschen kann.‹
Schon wenige Sekunden später spürte ich, wie die Magie zu wirken begann. So ein langes Objekt
herzuzaubern war sehr anstrengend, dennoch versuchte ich, meine Gedanken weiterhin auf die Magie
zu lenken.
Endlich war es vollbracht. Vollkommen ausgelaugt lehnte ich mich an einen angekohlten Pfahl. Vor
mir schlängelte sich ein dicker Schlauch. Sogleich schnappten sich die Kobolde den Schlauch und
richteten den Wasserstrahl auf die schwelenden Häuser.
Louisa nutzte währenddessen ihre Blitzmagie, um alle durch den Sturm verstreuten Gegenstände
einzusammeln und auf einen Haufen in der Mitte des Dorfes zu stapeln.
In der nächsten halben Stunde halfen wir, noch einige Häuser wiederaufzubauen und zu
reparieren.
»Schrecklich waren sie, diese Hexen!«, rief ein Junge, der einem anderen erzählte, was passiert
war. »Du hättest sie sehen sollen! Schwarz waren sie, kohlrabenschwarz.«
Aber obwohl viele geschockt vom Anblick der Hexen waren, halfen sie doch alle mit, das Dorf
wieder auf Vordermann zu bringen. Diejenigen, die Magie wirken konnten, zauberten Latten
zusammen, ließen frisches Gras sprießen oder transportierten Einrichtungen wieder an ihren
Platz. Die anderen halfen, wo sie konnten, nagelten Bretter zusammen, zimmerten Wände,
schaufelten Schlamm weg, oder verpflegten die Arbeiter.
Trotz des schrecklichen Ereignisses waren nun alle fröhlich und freundlich. Doch das änderte
sich schlagartig, als eine kleine Druckwelle über den angrenzenden Wald rollte. Dunkle Schatten
erschienen am Horizont. Sie kamen näher, sehr schnell näher, rasant näher!
Louisa packte meine Hand. »Was hat das zu bedeuten?«
»Ich denke, es sind die Hexen …«, flüsterte ich heiser.
Kaum, dass sie angekommen waren, ließen sie sich auf einem Hausdach nieder.
Als ich in ihre glühenden Augen blickte, rutschte mir das Herz in die Hose.