Die Steine kullerten immer näher – mit beängstigender Geschwindigkeit. Jeder davon hatte sicher
einen halben Meter Durchmesser. Und es mussten hunderte sein.
Panisch blickte ich mich um. Wohin konnten wir flüchten? Alva hatte es leicht, sie konnte
fliegen. Aber uns würde die Steinflut binnen weniger Sekunden erreichen. Ich sah nur einen
Ausweg: Magie. Schnell rieb ich meine Handflächen aneinander, um die Magie zu aktivieren.
»Die Zeit reicht nicht!«, rief ich. Die Steine waren nur noch wenige Meter von uns entfernt.
»Schnell! Hier rein!«, brüllte eine Stimme von rechts. Ich wirbelte herum und blickte zu dem
Pilzhaus, dessen Tür offenstand. Alva war schon losgeflogen. Auch Lina und ich rannten los und
stürmten durch die offene Tür. Schnell wurde diese zugeschlagen – gerade noch rechtzeitig …
Die Gerölllawine rumpelte an den Häusern vorbei. Diese waren zum Glück stabil genug gebaut (oder
gewachsen?). Gläser und Geschirr klirrten. Dann war es vorbei.
Erst jetzt schaute ich nach, wer uns gerettet hatte. An der Innenseite der Tür lehnte eine
Pixie, ein Fabelwesen mit spitzen Ohren. Sie atmete schwer, da sie ziemlich schnell gerannt
war.
»Danke!«, keuchte Lina.
»Wer bist du?«, fragte ich.
Als die Pixie zu Atem gekommen war, antwortete sie: »Keine Ursache! Ich helfe gerne. Mein Name
ist Nora.«
»Noch einmal danke, Nora«, sagte Alva. »Weißt du zufällig, was da draußen passiert ist?«
Nora überlegte einen Moment, dann befand sie: »Ich glaube, es war ein weiterer Hexenangriff.
Wisst ihr, Hexen können die Natur beeinflussen, das heißt, sie können Erdbeben, Steinlawinen,
Fluten, Dürren, Waldbrände und andere Katastrophen verursachen. Jede Hexe hat dabei
unterschiedliche Fähigkeiten. Deshalb teilt man sie in Erd-, Wasser-, Luft- und Feuerhexen ein.
Normalerweise sind sie friedlich, aber es kann durchaus vorkommen, dass sie Dörfer angreifen. So
häufig wie in den letzten Tagen waren die Angriffe aber noch nie!«
»Oh nein!«, rief Alva. »Wir müssen sofort zurück in den Palast und das melden!«
Nachdem wir uns noch einmal bei Nora bedankt und verabschiedet hatten, verließen wir das
Pilzhaus. Von den Steinen gab es keine Spur mehr. Lediglich den Bewohnern, die jetzt langsam
wieder aus ihren Häusern und Verstecken kamen, war anzusehen, dass etwas passiert war.
Wir verließen den Wald und machten uns auf den Weg zum Palast. Es dämmerte bereits. Schweigend
stapften wir durch den Schnee. Erst als es schon fast komplett dunkel war, kamen wir an.
Alva zeigte uns noch schnell unser Zimmer, dann machte sie sich auf den Weg. »Ich muss jetzt zum
Elfenrat. Gute Nacht euch!«
Das Palastzimmer war wunderschön. Es gab ein großes Himmelbett, eine Kommode, einen Schrank und
einen Tisch und einen großen Spiegel. Eine schmale Tür führte in unser eigenes Bad.
Nach dem Umziehen beschlossen wir, gleich schlafen zu gehen, da wir vom vielen Herumgehen müde
waren. Außerdem würden wir dann am Morgen ausgeschlafen sein.
»Gute Nacht!«, wünschte ich meiner Schwester, als ich mich in die kuschelige Decke
einwickelte
»Dir auch!«, kam zurück.
Schon kurze Zeit später hörte ich nur noch leises Atmen. Ich lag noch eine Weile wach und dachte
über die Hexen nach. Wie sie wohl waren? Ohne es zu merken, schlief ich darüber ein.
Am nächsten Morgen wachte ich nach Lina auf. Das Zimmer war leer. Deshalb machte ich mich nach
dem Frischmachen und Anziehen auf den Weg nach unten.
Tatsächlich, aus der großen Bibliothek hörte ich leises Murmeln. Ich schob die schwere Doppeltür
einen Spalt auf und schlüpfte in den Raum.
»Perfektes Timing, Louisa!«, rief Larissa. »Du kommst gerade recht zum Frühstück!«
Im selben Moment öffnete sich eine andere Tür und der Koch schob einen vollgeladenen
Servierwagen mit Köstlichkeiten herein. Neben dem runden Lesetisch stellte er ihn ab. »Lasst es
euch schmecken!«
Nach dem ausgiebigen Frühstück bat uns Crystal, die Oberelfe, zu sich in den Thronsaal. »Wir
brauchen so viele Helfer wie möglich«, erklärte die menschengroße Elfe, während sie auf uns
zukam. »Wir haben von einem weiteren Hexenangriff erfahren. Ein Dorf in der warmen Zone ist
betroffen. Könntet ihr vielleicht mit eurer Magie die Dorfbewohner beim Wiederaufbau
unterstützen? Larissas Programm fällt damit leider ins Wasser, tut mir leid.«
»Das ist doch nicht deine Schuld«, sagte Lina. »Und Larissa kann uns mit ihrem Gips sowieso
nicht begleiten. Wir helfen selbstverständlich gerne. Stimmts?« Sie blickte mich fragend an.
»Na klar!«, bekräftigte ich. »Aber ich habe noch eine Frage an dich: Warum kümmerst du dich um
solche Dinge und nicht der Weihnachtsmann selbst? Wo ist er überhaupt? Ihm ist doch nichts
passiert?«
»Keine Angst, dem geht es gut. Er sitzt nur schon seit Februar Tag und Nacht in seinem tiefen
Keller, sortiert Wünsche, schreibt Einkaufslisten und ordnet die Kinder nach brav und schlimm.
Damit im Dezember alles reibungslos verläuft. Dabei will er nicht gestört werden, außer der
Palast oder ganz Winterland sind in Gefahr. Also kümmere ich mich derweil um alles.«
»Ah, das macht Sinn, danke. Na, dann machen wir uns gleich fertig«, rief Lina voller
Tatendrang.
Schnell zogen wir uns an und gingen zum Eingangstor. Dort warte schon Crystal und gab uns noch
eine Karte, auf der besagtes Dorf eingezeichnet war. Wir wollten gerade aufbrechen, als wir
aufgehalten wurden.
»Wartet!«, rief Larissa und krückte aus der Bibliothek zu uns. »Hier sind zwei Muscheln für
euch! Und nehmt eine dritte mit, falls eine zerbricht.« Sie zog drei wunderschön geschwungene
Muscheln aus ihrer Tasche. »Sprecht hinein und ich kann euch durch meine Muschel hören – wie ein
Telephon.«
»Super, danke!« Ich packte meine Muschel in meine Jackentasche. Dann brachen wir auf.
»Passt auf euch auf!«, rief uns Larissa noch nach.
Nach kurzer Strecke spürte ich auf einmal einen heftigen Windstoß, obwohl es eigentlich
windstill war. Es fühlte sich an, als stünde ich auf einem Bahnsteig und ein Schnellzug würde
vorbeifahren.
»Was war das?«, fragte ich.
Plötzlich witschte ein dunkler Schatten direkt an mir vorbei.
Lina erschrak: »Das ist jetzt aber nicht Larissas Vater, der Dunkle Magier, oder?«