Kapitel 3
-Lina-

»Was ist denn mit dir passiert?«, rief ich erschrocken, als ich Larissas Gips sah.
»Hmm – ist blöd gelaufen …«, antwortete Larissa trocken. Sie krückte zu uns und umarmte zuerst Louisa und dann mich, so gut das mit Krücken eben ging. »Ich bin leider im Schnee ausgerutscht und mit meinem Bein blöd auf einen Stein unter der Schneedecke gestürzt«, erklärte sie.
»Kannst du das nicht mit Magie wieder hinbekommen?«, überlegte Louisa.
Larissa verzog das Gesicht. »Das ist nicht so einfach. Erstens ist Magie oft etwas Grobes, deshalb muss man sehr feinfühlig mit Magie umgehen können. Zweitens kann man Magie nicht, oder besser, sollte man sie nicht an sich selbst anwenden. Das wäre wie eine kurzgeschlossene Batterie. Es kommt zu einer Art Kreislauf – wenn da etwas schiefläuft, wird es noch schlimmer als es eh schon ist. Das heißt, wenn es einer machen kann, dann nur ein Profi. Wir haben schon einen Heiler verständigt, er wird in zwei, drei Tagen ankommen.«
»Doof!«, ärgerte sich Louisa. »Dann können wir ja gar nichts unternehmen …«
»Doch«, wandte Larissa ein. »Ihr werdet trotzdem die Orte besuchen, die ich für euch ausgesucht habe.«
»Aber dann können wir gar nicht mit dir zusammen sein«, meinte ich.
»Keine Widerrede – wir haben ja den ganzen Abend im Palast. Ich habe übrigens schon Alva verständigt. Ihr erinnert euch doch noch an die Elfe, oder?«
Klar erinnerte ich mich an Alva. Sie hatte uns letztes Mal zum Palast geführt. Und sie war das erste Fabelwesen, dass ich gesehen hatte – seitdem glaubte ich, dass es Magie wirklich gibt. Also nickte ich.
»Super! Schaut – da kommt sie schon! Und vergesst eure Wintersachen nicht!«, sagte Larissa mit einem Grinsen im Gesicht.

Schon bald danach waren Louisa und ich mit Alva auf dem Weg. Unser Gepäck hatten wir im Palast gelassen. Da uns Alva sagte, dass wir circa eine halbe Stunde Wegzeit vor uns hatten, beschloss ich, die Zeit mit Fragen zu überbrücken.
»Wo genau liegt das Winterland eigentlich – also von der Erde aus gesehen?«, fragte ich die unterarmlange Elfe, die vor uns durch die Luft schwebte.
»Puh …«, überlegte Alva. »Das ist eine schwierige Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Hier basiert schließlich alles auf Magie. Also kann Winterland irgendwo auf der Erde liegen, zum Beispiel im Hohen Norden. Genauso könnte es im Nichts schweben. Vielleicht existiert es auch nur in irgendjemandes Gedanken. Oder es ist so klein, dass man es mit bloßem Auge gar nicht wahrnehmen kann. Keiner weiß das. Das Wichtigste ist aber, dass es einfach ist.«
»Da hast du Recht«, bekräftigte Louisa. »Hier ist es wunderschön!«
Gerade noch wanderten wir durch einen schneebedeckten Wald, schon spazierten wir über eine gemütliche Wiese. Hier und da sprossen kleine Blüten zwischen kahlen Sträuchern. Die Schneedecke wurde zunehmend dünner. Jetzt mussten wir in dieser wärmeren Gegend sein, wo letztes Mal die Schlucht war.
»Wieso ist es hier so warm?«, fragte ich Alva.
»Tja«, antwortete sie, »im Winterland gibt es keine richtigen Jahreszeiten, es ist im Grunde genommen immer Winter. Allerdings gibt es hier so eine Art örtliche Jahreszeiten. Hier ist es sommerlich, vorhin bei den Blüten war Frühling. Und dort vorne kommt dann der Herbst. Diese Zonen ziehen ein kleines Band quer durchs Winterland.«
»Cool«, staunte Louisa.
»So, jetzt sind wir bald da. Wir bleiben in der warmen Zone und werden uns hier etwas Phantastisches anschauen. Ich verrate nichts!«, kommentierte Alva, die zwei Meter vor uns in der Luft schwirrte.

Nur eine Minute später kamen wir an einen Waldrand. Hier standen sogar einige Laubbäume, die jetzt einen dichten Blättervorhang bildeten. Vorsichtig streckte ich meine Hände hinein und schob den Vorhang so weit auf, dass ich hindurchgehen konnte. Was ich auf der anderen Seite erblickte, ließ mir den Mund offenstehen.
Zwischen den Baumstämmen standen meterhohe Pilze in allen erdenklichen Farben. Manche hatten unten eine Tür, oben gab es Fenster, manche im Hut ein Dachfenster, andere eine Wendeltreppe und eine Terrasse. Überall schwirrten, flogen und spazierten Fabelwesen herum. Elfen plauderten mit Trollen, Kobolde verkauften Waren an Irrlichter, Pixies und Geister. Es war ein einziges Durcheinander.
Alva verkündete: »Willkommen in ›Mytopia‹!«

Gemütlich flanierten wir zwischen den gigantischen Pilzen hindurch. Louisa staunte an jeder Ecke. Auch ich war ziemlich beeindruckt. »Es ist toll hier!«, rief ich.
Plötzlich vibrierte der Boden. Alles bebte immer stärker.
»Ein Erdbeben!«, erschrak Louisa.
Es rumpelte und knackte immer lauter. Kreischend rannten die Bewohner in ihre Pilze oder versuchten, ihre Waren wegzuschaffen. Das Rumpeln wurde lauter – und es kam von hinten.
»Irgendwas ist hinter uns, oder?«, brüllte Louisa über das Chaos hinweg.
Ich fuhr herum.

Eine ganze Welle an großen runden Steinen kullerte aus der Ferne auf uns zu.