»Oh nein! Was machen wir jetzt?!?«, rief ich entsetzt.
Luna nahm die Schale, die im Käfig stand und schnupperte vorsichtig daran. »Das ist eine normale
Suppe, vermischt mit einem starken Schlafmittel. Zum Glück kenne ich zufällig einen hilfreichen
Aufwecker!«
Sie zog ein Stofftuch aus ihrer Tasche und schlug es auf. Darin lag das letzte Blatt des
allwissenden Baumes.
Vorsichtig steckte sie es in eine Phiole mit klarer Flüssigkeit. Das Blatt löste sich binnen
Sekunden auf und die Flüssigkeit wurde grün. Davon tröpfelte sie drei Tropfen auf Larissas
Lippen.
»Wisst ihr, so viel konzentriertes Wissen macht ziemlich wach …« Luna grinste uns an, während
sie den Rest der Flüssigkeit verkorkte und einsteckte.
Nur wenige Sekunden später schlug Larissa tatsächlich die Augen auf. Es hatte funktioniert.
Mittlerweile hatten auch die ersten Hexen, die vorher ratlos in der Gegend herumgestarrt hatten,
begriffen, was passiert war.
Als auch Luna Mama aus ihrer Starre erwachte, stürmte sie gleich zu ihrer Tochter und drückte
sie fest an sich.
»Es tut mir so leid …«, murmelte sie mit Tränen in den Augen. »Es tut mir so leid.«
»Schon gut. Ist ja nicht deine Schuld«, beruhigte sie Luna.
Nach einer langen Umarmung wandte sich Lunas Mama schließlich uns allen vieren zu. »Aber jetzt
erzählt doch mal: Wie sind wir hierhergekommen?«
»Na ja, alles begann mit dem Brief, den ich bei uns gefunden habe«, begann Lina.
»Falsch!«, wandte Larissa ein. »Es begann mit dem Zähneputzen.«
»Wie bitte?«
»Na ja, du hast an dem Morgen deine Zahnbürste deine Zähne putzen lassen – magisch.«
»Woher weißt du das denn? Du warst doch nicht bei mir.«
»Du weißt schon, dass ich gerade ein wenig vom allwissenden Baum gekostet habe, oder? Ich fühle
mich, als hätte ich die gesamte Bibliothek verschlungen – frag‘ mich was du willst, ich kenne
die Antwort!«
Verwirrt schüttelte ich den Kopf. »Kommt, wir erzählen es allen Hexen!«
Und wir erzählten. Die Hexen lauschten gebannt. Larissa ergänzte ab und zu ein Detail, wenn wir
es vergaßen.
Gerade als wir geendet hatten, ertönte eine grässliche Stimme. »Endlich habe ich euch gefunden!
Jetzt will ich mein Eigentum zurück!«
Es war der neue Hexenmeister in seiner furchteinflößendsten Gestalt.
Aber noch bevor die Hexen ihren neuen Leiter aufklären konnten, dröhnte ein Donnergrollen durch
die Höhle. Der neue Hexenmeister verwandelte sich zurück in seine normale Gestalt und wurde auf
den Boden geschleudert.
Verdutzt rappelte er sich auf, nur um in die Augen des alten Hexenmeisters zu blicken. »Nichts
da, dein Eigentum! Du hast die gesamte Hexenexistenz gefährdet, indem du nicht geholfen hast.
Und jetzt greifst du auch noch Mitglieder unserer eigenen Reihen an? Das Buch wird nicht bei dir
bleiben. Du bist nicht mehr Hexenmeister. Stattdessen …« Er blickte zu uns. »… wird meine
NachfolgerIN Luna!«
»Ich?«, frage Luna verblüfft.
»Ja! Du hast in den letzten Tagen genug Mut und Zauberstärke gezeigt, um uns führen zu können.
Du bist des Amtes durch und durch würdig!«
Alle anwesenden Hexen applaudierten lautstark los. Auch ich und Lina stimmten mit ein. Wir
umarmten Luna, die mit einem Dauergrinsen im Gesicht dastand.
Es wurde gefeiert und gelacht, bis spät in die Nacht.
Die Hexen zauberten Larissa hölzerne Krücken und gaben ihr ein paar schmerzlindernde Kräuter. So
konnte auch sie am Geschehen teilnehmen.
Luna wurde von allen die Hände geschüttelt. Und wir mussten immer wieder unsere Geschichte
erzählen, auch das Abenteuer zu Weihnachten.
Nach und nach gingen die Hexen nach Hause. Auch wir machten uns bald auf den Weg. Lunas Mutter
bot als Wiedergutmachung an, Larissa zum Palast zu fliegen. Auch ich, Lina und Luna machten uns
auf den Weg.
Wir verbrachten noch zwei wunderschöne Tage im Winterland. Zusammen mit Larissa, deren Fuß der
Heiler gesund gemacht hatte, schauten wir uns nochmal in aller Ruhe den Pilzwald an. Wir
besuchten Janu und Leo und erzählten ihnen von unserem Abenteuer. Und natürlich verbrachten wir
zwei wunderbare Abende und Nächte im Palast – inklusive köstlichstem Frühstück.
Leider kam der Abschied schneller als gedacht, wie das halt so ist mit Abschieden. Larissa
versprach, dass das nächste Mal sie uns besuchen würde – die Telephonnummer unserer Mama hatte
sie ja.
Dann schnappten wir uns unser Gepäck (angeblich hatte Larissas Mama die Wäsche gewaschen,
deshalb war sie noch so frisch wie beim Einpacken). Dann traten wir durch ein Portal nach
Hause.
Dort erwarteten uns unsere Eltern schon freudig und fragten, was wir alles erlebt hatten. Nun
ja, … sagen wir mal, wir haben nicht die ganze Wahrheit erzählt, … nur einen Teil. Einen kleinen
Teil. Gut, einen winzigen Teil der Wahrheit
Am Abend vor dem Schlafengehen fiel mir noch etwas ein: »Lina, was meinst du, wie geht unser
Abenteuer weiter?«
»Geht es denn weiter?«
»Aber sicher doch!«