Die Lawine rollte den Hang hinab, direkt auf uns zu. Zum Glück war es hier nicht so steil – das
bremste die Schneemassen ein wenig. Trotzdem war sie nur mehr knapp hundert Meter entfernt.
Hektisch überlegte ich, was ich tun konnte. Am einfachsten wäre es, wenn ich meine Hände auf den
Boden legte und die Lawine so mit meiner Magie stoppte. Ich hatte zwar noch nie eine Lawine
gestoppt, geschweige denn erschaffen. Allerdings war ich, wie meine Mama, eine Alleskönnerin.
Meine Magie war weniger stark, dafür konnte ich alle Naturgewalten lenken.
Aber das half mir jetzt auch nicht weiter. Denn stehenbleiben und die Hände auf den Boden legen,
nur um die Lawine vielleicht zu stoppen, das war viel zu riskant. Eine andere Idee musste
her.
In diesem Moment entdeckte ich eine Felsnase nicht weit unter uns am Hang.
»Zum Felsvorsprung, schnell!«
Die Lawine hatte uns schon halb eingeholt.
Plötzlich stolperte Lina. Schnell halfen ich und Louisa ihr auf und rannten weiter, aber die
Lawine hatte in der Zeit weitere Meter aufgeholt – zum Glück war der Felsvorsprung nicht mehr
weit entfernt.
Verzweifelt schnappte ich mir eine Kräuterbombe und schleuderte sie mitten in die Lawine. Ich
hatte zwar Angst, dass das schiefgehen und die Lawine noch schneller machen würde – aber das
Gegenteil war der Fall. Die Lawine wurde leicht gebremst. Vielleicht, weil sie magisch war?
Auf jeden Fall verschaffte uns das ausreichend Zeit, die letzten Meter zu bewältigen und hinter
die Felsnase zu hechten. Nur kurz darauf donnerten die Schneemassen rechts und links an uns
vorbei.
Wir warteten zur Sicherheit noch einige Minuten, bevor wir uns hervorwagten.
»Wir sind dem Hexenmeister entkommen!«, rief Louisa.
»Stimmt. Jetzt aber nichts wie los zu meinem Zuhause.«
Das Haus, in dem ich lebte, war zwar klein, aber gemütlich. Zum Glück war meine Mutter nicht da
– sonst stünde die Tür offen.
Ich nahm die Hintertür und schlich ins Haus. Dort schnappte ich mir ein paar frische Kräuter und
stopfte auch ein paar neue Kräuterbomben in meine Tasche – man konnte nie wissen. Dann holte ich
den Gong.
Meine Freunde warteten schon ungeduldig, als ich wieder herauskam.
»Was ist das?«, fragte Louisa sofort.
Lina zeigte darauf. »Das ist ein Gong!«
Ich nickte. »Und nicht nur irgendeiner. Das ist DER Gong. Jede Hexe besitzt einen. Wenn sie ihn
im Notfall schlägt, kommen sofort die anderen zu Hilfe. Ich weiß zwar nicht, ob das trotz des
Gelbkrautes funktioniert, aber ich bin zuversichtlich.«
»Na los, gehen wir!«, rief Lina.
»Wartet einen Augenblick. Ich versuche, Larissa zu orten.« Ich schaufelte den Schnee beiseite,
um meine Hand auf die Erde zu pressen. Mit etwas Anstrengung bekam ich tatsächlich ein Signal.
»Sie ist wahrscheinlich in der untersten Höhle – das ist von hier aus nur eine halbe Stunde!«
Vorsichtig linsten wir in den Höhleneingang. Dort war ein Käfig, mit Larissa drin. Sie schien zu
schlafen. Und dahinter saß auf einem Stuhl ein ebenso schlafender Wärter.
»Meinst du, du bekommst das mit der Liane nochmal hin?«, fragte ich Louisa.
»Aber hier gibt es keinen Bambus …«
»Versuch’s damit!« Ich drückte ihr ein Büschel Kräuter in die Hand. Tatsächlich hatte Louisa
danach eine weitere Liane ums Handgelenk. »Fessel jetzt damit den Wärter an den Sessel!«, trug
ich ihr auf. Gesagt, getan. Jetzt konnten wir gefahrlos in die Höhle.
Drinnen holte ich den Gong hervor. Zum Glück war er für Reisen gedacht und daher handlich
klein.
»Gut«, sagte ich zu den Geschwistern, »wer nicht wagt, der nicht gewinnt!«
Ich nahm den Klöppel und schlug kräftig auf das Metall.
GOOONG!