Kapitel 22
-Louisa-

»Warum meldet sich Larissa nicht?«, fragte ich. »Es ist doch hoffentlich nichts passiert?«
»Ich fürchte schon«, meinte meine Schwester. »Wir sollten uns beeilen, zurück zum Palast zu kommen!«
Auf einmal erblickte ich eine Kugel, die auf uns zuschwebte. Sie glänzte silbern und war kaum größer als zwei Murmeln.
»Was ist das?«, fragte ich die anderen.
Luna überlegte kurz. »Ich bin mir nicht sicher …«
»Warum hab‘ ich nur mein Magielexikon vergessen?!«, ärgerte sich Lina erneut.
Als die Kugel bei uns war, stoppte sie. Nichts passierte. Also beschloss ich, sie anzustupsen. Gesagt, getan. Sofort sprudelte eine Nachricht aus der Kugel. Eindeutig von Larissa.
»Sie wurde von Hexen gefangen?«, rief ich entsetzt.
»Und sie ist wahrscheinlich im unheimlichen Berg«, ergänzte Lina den schockierenden Inhalt der Nachricht.
Luna meldete sich zu Wort: »Es bringt nichts, weiter zum Palast zu gehen. Wir müssen diese Höhle finden. Seht ihr diesen Berg, dessen Spitze immer in einer grauen Wolke versteckt ist? Das ist der unheimliche Berg. Um dort hinzukommen, müssen wir durch dieses Tal. Dort wohne ich – wir machen einen kleinen Abstecher, ich habe nämlich eine Idee!«
»Welche denn?«, fragte ich¬.
»Das erkläre ich euch, wenn wir dort sind … Na los, kommt schon!«

Der Abstieg war nicht ganz leicht, da wir wegen des vielen Schnees oft ganze Stücke den Hang hinunterrutschen mussten. Aber wir hatten schon gut die Hälfte geschafft, als plötzlich …
Bambus spross.
Ja, richtig: Bambus. Er schoss rund um jede von uns aus dem Boden und verdrehte sich über unseren Köpfen. Wir waren in Bambuskäfige eingeschlossen.

»Gib sofort das Buch der Hexenmeister zurück!«, brüllte eine bekannte Stimme. Der neue Hexenmeister tauchte auf.
»Niemals! Wir sind schon so weit gekommen!«, rief Luna.
»Ihr habt nicht das Recht, es zu besitzen! Ihr habt es gestohlen!«
»Ja, aber nur, weil Sie es uns nicht geben wollten! Wer soll sonst die Hexen retten? Sie etwa?«
»Werd‘ nicht frech!«
Während der Hexenmeister und Luna ihr Wortduell ausfochten, nahm in meinem Kopf langsam ein Plan Gestalt an.
»Lina, Lina!«, flüster-rief ich durch die Bambusstäbe. Sofort hatte ich ihre Aufmerksamkeit. »Hier ist der Schnee dick genug, dass du mit deiner Magie einen Tunnel graben kannst. Unter mir durch und dann weiter hinter den Hexenmeister. Vertrau mir!«
Lina zeigte mir den erhobenen Daumen, dann versank sie schon im Schnee. Ich schnappte mir derweil einen Bambussprössling, der nicht länger als 20 Zentimeter aus dem Boden gewachsen war, und riss ihn aus. Dann dachte ich an eine Liane, die jeden fesselte, den ich wollte. Die Magieblitze schossen auf den Sprössling. Der wuchs in die Länge, wurde elastisch – und wickelte sich um mein Handgelenk.
Jetzt spürte ich, wie auch ich versank. Der Schnee verschwand und ich landete in einem niedrigen Tunnel unter der Schneedecke. Ich kroch meiner Schwester nach, und schon bald öffnete sich der Tunnel nach oben – wir befanden uns hinter dem Hexenmeister.
Der war immer noch mit Luna am Streiten, wer das Buch denn nun rechtmäßig besaß. Perfekt. Ich befahl meiner Bambus-Liane, den Hexer zu fesseln.
Nur Augenblicke später lag dieser wild zappelnd als verschnürtes Paket im Schnee.
Luna griff sich zwei Bambusstäbe, die sich bereitwillig bogen, und sie freiließen.
»Los, schnell!«, brüllte sie und wir liefen los.
»Das sollt ihr mir büßen!«, brüllte der Hexenmeister hinter uns.

Die Erde bebte. Der Schnee wackelte. Und dann rutschte ein Schneebrett los – und riss alles mit sich, was da war.
Die Lawine rollte auf uns zu.