Kapitel 21
-Larissa-

Verwirrt blinzelte ich.
Wo war ich?
Steinboden. Felswände. Gitterstäbe. Wie in einem Gefängnis.
Moment … Gefängnis?
Wie Schuppen fiel mir von den Augen, was passiert war. Das zerbrochene Fenster. Die Hexen. Der hölzerne Zauberstab – am anderen Ende der Bibliothek, außer Reichweite. Die Muschel, die zerbrach. Die Kräuter, die mich lähmten. Die Seile, mit denen mich die Hexen fesselten. Die tiefschwarze Dunkelheit der Ohnmacht.

Ich schüttelte mich. Ich wollte aufstehen, zuckte aber gleich vor Schmerz zusammen. Dumm von mir – natürlich war mein Bein nicht wundergeheilt.
Also robbte ich zum Käfigrand und rüttelte kräftig an den Gitterstäben. Üblicherweise macht das nur Lärm und hilft nichts, ich weiß. Aber das ist das Erste, was jeder Gefangene versuchen würde.
»Ruhe da drin!«, tönte plötzlich eine Stimme. Unheimlich hallte sie von den steinernen Wänden wider.
Mist! Es war ein Aufpasser hier. Das würde das Ganze erheblich erschweren. Verzweifelt ging ich meine Möglichkeiten durch. Es waren nicht viele. Zuallererst musste ich meinen Freunden sagen, wo ich war. Aber die Muschel war zerbrochen. Also blieb nur die Magie.
Ich blickte an mir hinunter. Mein Amulett, durch das ich Magie ausüben konnte, war wag. Die Hexen mussten es vorsorglich mitgenommen haben. Aber an etwas hatten sie sicher nicht gedacht. Ich griff tief in meine rechte Hosentasche. Dort war sie – eine winzige, silberne Taschenuhr.
Sie war natürlich ein magisches Artefakt, also müsste ich durch sie zaubern können. Das war meine Rettung!

»Wo sind wir hier?«, fragte ich an den Wärter gerichtet.
Der stand auf und trat an meinen Käfig. Erst jetzt konnte ich ihn genauer in Augenschein nehmen. Er war ein junger Mann, der überhaupt nicht böse wirkte. Warum arbeitete er für die Hexen?
»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dir das verrate? Dann überlegst du dir nur, wie du abhauen kannst, aber das solltest du nicht.«
»Das hab‘ ich mir auch nicht gedacht. Aber wenn die Hexen irgendwann kommen, um mich zu holen, müssen die doch irgendwie hier reinkommen, oder?«
»Die kommen hier nicht alle rein. Und selbst wenn, ist der Eingang groß genug, dass zehn Hexen nebeneinander Platz haben. So, ich muss zurück auf meinen Posten.«
Damit verschwand er aus meinem Blickfeld. Ich war in einer Höhle, ganz klar. Aber in welcher? Es gab so viele im Winterland! Da fiel es mir ein: der unheimliche Berg. Er beherbergte hunderte Höhlen, darunter riesengroße. Hier musste ich sein.
Gerade in diesem Moment fiel dem Wärter der Schlüsselbund hinunter. Laut hallte das Klirren durch die ganze Höhle. Es war die perfekte Ablenkung.
Ich aktivierte meine Magie und flüsterte blitzschnell eine Nachricht an Louisa, Lina und Luna. »Die Hexen haben mich erwischt. Ich bin in einer der größten Höhlen des unheimlichen Berges gefangen. Versucht, die Hexen hierherzulocken, damit alle das Gegenmittel bekommen. Passt auf euch auf!«

Meine Worte bildeten eine kleine Kugel. Ich musste den Wärter ablenken – er durfte die Kugel nicht zum Ausgang schweben sehen.
»Du, Wärter! Darf ich dich noch was fragen?«
»Wenn’s sein muss …« Er trat wieder ans Gitter.
»Du wirkst auf mich überhaupt nicht böse. Warum arbeitest du dann für die Hexen?«
Der Wärter lachte laut auf, was ein schauriges Echo verursachte. Die Nachrichtenkugel war schon verschwunden. »Mit diesen grässlichen Biestern würde ich doch nie im Leben arbeiten! Ich arbeite für jemand anderes, weiß aber selbst nicht, für wen. So, aber jetzt ist Schluss mit der Fragerei! Hier.« Er reichte mir eine schmale hölzerne Schale zwischen den Gitterstäben hindurch.
Darin war eine köstlich duftende Suppe. Erst jetzt merkte ich, wie hungrig ich war. Gierig nahm ich auch den Löffel entgegen und aß die Schüssel ratzekahl.
Erst im Nachhinein kam mir, dass das vielleicht keine so gute Idee gewesen war.

Mir wurde schwummrig. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen.