Gebannt blickte ich auf die schwarzen Gestalten, die gerade durch die Baumkrone entschwanden.
Warum waren sie wohl so schnell wieder abgedreht?
»Ich glaube, sie hat mich erkannt. Nur einen Moment lang«, flüsterte Luna. Eine einzelne Träne
tropfte ihr von der Wange.
Ich kniete mich neben sie ins kalte Wasser und legte meinen Arm um ihre Schultern. »Wir schaffen
das, wir machen sie wieder normal. Versprochen!«
»Danke.« Sie erwiderte meine Umarmung.
»Komm. Wir müssen weiter.« Ich löste mich von Luna, stand auf und half ihr auf die Beine.
Wie aufs Stichwort tauchte Louisa auf und lief auf uns zu. »Was ist passiert?«
»Die Hexen sind weg. Zumindest vorerst«, sagte ich.
»Super! Und jetzt?«
Luna antwortete an meiner Stelle. »Ich werde den Baum bitten, uns ein Blatt zu überlassen.«
Gemeinsam liefen wir zu einer freien Stelle im Stamm. Luna legte ihre Hände auf die raue Rinde.
Prompt segelten drei Blätter von einem tiefen Ast, genau auf Lunas Haare.
»Er hat euch ausgewählt«, bemerkte der Hüter, der auf einmal hinter uns stand, »das ist ein
starkes Zeichen. Danke, dass ihr unseren Baum gerettet habt.« Der Hüter reichte mir ein dünnes
Ästchen. »Nehmt diesen Zweig. Solltet ihr jemals Hilfe benötigen, brecht ihn auseinander, und
wir werden schnellstmöglich zu euch eilen.«
»Danke!«, hauchte ich ehrfürchtig und steckte ihn mit Sorgfalt in meine Tasche. Luna schlug
währenddessen die Blätter in ein Tuch ein und legte sie in eine ihrer vielen Taschen. »So, jetzt
müssen wir aber weiter!«, rief sie. Wir bedankten uns noch einmal beim Hüter, bevor wir uns an
den Aufstieg auf den Baum machten.
»Lina, jetzt habe ich aber noch eine Frage: Woher wusstest du von den Kräuterbomben?«
»Nun ja, als ich die Hände auf deinen Schultern hatte, konnte ich kurz deine Gedanken vor mir
sehen.«
»Ich habe aber wohl nichts Blödes gedacht?«
»Nein, keine Angst. Und wenn ich etwas gesehen hätte, würde ich es keinem verraten.«
»Hey!«
»War nur Spaß – da war nichts, ganz sicher.«
Luna knuffte mich in die Seite.
Mir selbst lag aber noch eine Frage auf der Zunge: »Sag mal, Louisa, wie hast du eigentlich den
Hüter umgestimmt?«, fragte ich meine Schwester.
»Tja … Ich habe ihn einfach freundlich gebeten und erklärt, dass das Wasser zu schnell steigt
und so keiner seine Sachen packen kann. Und ich habe gesagt, dass ihr das sicher schafft, da hat
er es geglaubt.«
»Toll! Apropos Wasser, ist das schon versickert?«
»Jepp!«, antwortete Luna. »Unser Freund hier«, sie klopfte auf die Rinde neben sich, »war
ziemlich durstig.«
»Das ist ein richtig cooler Baum!«, rief Louisa. »Aber ich habe immer noch nasse Schuhe.«
»Das lässt sich leicht ändern.« Ich gedankenwünschte mir die Schuhe einfach trocken und warm. So
weit so gut. Doch auf einmal kippte ich von meinem eigenen Magieschub nach hinten – Luna konnte
mich gerade noch davor bewahren, die Treppe hinunterzupurzeln. Gleichzeitig spürte ich, wie
meine Füße trocken wurden und sich eine wohlige Wärme in meinem Körper ausbreitete.
»Was machst du denn?«, fragte Luna.
»Ich glaube, ich habe aus Versehen die Schuhe aller Baumbewohner getrocknet …«
Louisa kicherte. »Die werden sich wundern, wenn ihre Schuhe auf einmal so warm sind …«
»Tja: Magische Missgeschicke«, meinte ich nur, zuckte mit den Achseln und musste selbst lachen.
Mittlerweile hatten wir die Baumkrone erreicht und traten auf den Schnee ringsum. Jetzt führten
einige Rinnen zum Baum. Die hatte das Wasser ausgehoben, als es hierhergeleitet wurde. Darum
kümmerten wir uns aber nicht weiter, denn wir wollten weiter zum Wasserfall.
Luna hatte uns nämlich erklärt, dass die Kekse des Glücks von kleinen Wesen, sogenannten Lakos,
gebacken wurden. Die Lakos lebten in Höhlen hinter Wasserfällen. Allerdings waren sie extrem
scheu und verwandelten den Wasserfall in Eis, wenn sie einen Fremden erblickten.
Der Weg war nicht weit und wir kamen an einem kleinen Hügel an. Dort lag der Wasserfall.
»Da das Wasser noch fließt, hat uns noch keiner bemerkt«, flüsterte Luna. »Wenn wir Glück haben,
können wir jetzt ganz schnell hinlaufen, ohne gesehen zu werden, dann schaffen wir es
hinein.«
Also preschten wir los, seitlich auf den Wasservorhang zu.
Ich hatte schon gedacht, wir würden es schaffen, als ich wenige Meter vor unserem Ziel ein
kleines Gesicht sah, das herauslinste. Blitzschnell verschwand es wieder, und binnen einer
Sekunde gefror der Wasserfall.
Ich versuchte noch zu bremsen, aber es war bereits zu spät. Mit noch immer ziemlich viel Schwung
knallte ich gegen die Eisfläche.