Unaufhaltsam strömten die Wassermassen in die unterirdische Höhle.
Aufgeregt flog eine junge Pixie herbei. Sie kritzelte blitzschnell etwas auf ein Stückchen
Papier. »Wenn das Wasser weiterhin so schnell fließt, steht uns das Wasser hier in drei Minuten
bis zum Bauch und nach weiteren zehn Minuten kann hier keiner mehr sein. Wir müssen alles
evakuieren!«, rief sie mit kräftiger Stimme quer durch die Höhle. Augenblicklich brach Panik
aus.
Die verschiedensten Fabelwesen rannten, flogen und krochen wie wild durcheinander.
»So wird das nichts!«, rief ich meinen Freunden über den Lärm hinweg zu. Das Wasser würde viel
zu schnell ansteigen. Schon jetzt hatte sich der Wasserteppich über den ganzen Höhlenboden
ausgebreitet und durchnässte unsere Schuhe.
Ich musste etwas tun. »Louisa, Lina! Ihr müsst mir helfen! Die habe ich zwar noch nie verwendet,
aber ich habe die Naturkräfte der Hexen. Ziemlich sicher kann ich das Wasser da oben stoppen.
Lina, legst du mir deine Hand auf die Schulter und leitest mir Magie weiter? Und du, Louisa,
versuch den Hüter davon zu überzeugen, die Evakuation abzubrechen. Alles klar?«
»Ja!« Louisa kämpfte sich durch die Fabelwesenmassen zum Baumstamm durch. Das Wasser stand schon
knöchelhoch.
Lina legte ihre Hände auf meine Schultern und sofort spürte ich ein beruhigendes, warmes Gefühl,
als die Magie durch mich hindurchströmte.
Da es für die Naturmagie keine Sprüche oder Zutaten brauchte, nur einen starken Willen, sollte
es keine magischen Missgeschicke geben. Außerdem stand Lina hinter mir. Also nahm ich einen
tiefen Atemzug und legte los.
Ich tunkte meine Hände in das kalte Wasser und drückte sie auf den unebenen Boden. Schon konnte
ich die mächtige Magie dieser Naturgewalt spüren. Deshalb war es auch wichtig, dass Lina als
festes Standbein hinter mir stand. Denn von Wassermagie konnte man allzu leicht fortgetragen,
weggespült oder mitgerissen werden.
Schon bald hatte ich die Quelle erspürt. Das Wasser war gewaltsam aus einem Bachbett abgeleitet
worden, über Wege, die Wasser niemals nehmen würde. So war es ein Leichtes, das Wasser zu
überreden, wieder seinen angestammten Lauf zu nehmen.
Es schien zu klappen, und gleichzeitig hörte ich den Hüter über den ganzen Baum rufen.
»Evakuation abbrechen! Sofort aufhören!« Endlich kehrte wieder Ruhe ein.
Die Hexen aber schienen gemerkt zu haben, dass ihr Plan nicht funktionierte, denn einige von
ihnen schwebten als schwarze Wesen zu uns herab. Sofort zückte ich eine Kräuterbombe – eine in
Kugelform gepresste Kräutermischung, die explodieren und Angreifer verwirren und erschrecken
konnte.
Doch auf einmal entdeckte ich meine Mama unter den Hexen, ohne Zweifel, und hielt inne.
»Tu doch was!«, rief Lina, die immer noch hinter mir stand.
»Aber … da ist meine Mama.«
Die Hexen kamen Schritt für Schritt näher.
»Hast du nicht gesagt, dass Hexen sehr naturverbunden sind? Dann kann ihnen eine Kräuterbombe
doch nichts anhaben, oder?«
Moment mal … woher wusste sie von den Kräuterbomben? Aber Recht hatte sie.
Ohne weiter nachzugrübeln, feuerte ich drei Kräuterkugeln auf die Hexen. Doch kaum am Ziel
wurden sie zischend erstickt. Die Hexen schienen mit so etwas gerechnet zu haben. Allerdings
klärte sich der Blick meiner Mama kurz auf und sie sah mich einen Moment lang voller Erkenntnis
an. Sie brabbelte etwas Unverständliches, woraufhin sich die anderen Hexen in die Lüfte erhoben
und langsam davonschwebten. Doch nach einem weiteren Blick auf mich wurden Mamas Augen wieder
genauso ausdruckslos und rot wie vorher. Ohne sich noch einmal umzudrehen, flog sie den anderen
nach.