Geschockt blickte uns Larissa an. Verständlicherweise. Schließlich waren wir immer noch in Wölfe
verwandelt.
Nachdem wir unsere Schnauzen am Fell des Alphawolfes gerieben hatten, verwandelten wir uns in
einem Windstrudel zurück in Louisa, Lina und Luna.
Jetzt schaute Larissa nur noch verwirrter drein.
»Wir machen uns dann mal wieder auf den Weg!«, teilte uns der Alphawolf mit. »Es war mir eine
Ehre, euch zu helfen.« Damit entschwand das Rudel durch den offenen Fensterrahmen.
Abwechselnd erzählten wir unserer Freundin, was geschehen war. Dann packte Luna das Buch aus und
vergrößerte es.
Als ich versuchte, den Buchdeckel anzuheben, passierte rein gar nichts. Auch Larissa und Lina
hatten kein Glück. Einzig und allein Luna war in der Lage, es aufzuklappen. Es war vor
Nicht-Hexen also bestens geschützt.
Luna fuhr mit dem Finger über eine Seite. »Ich vermute stark, dass das ein durch und durch
magisches Buch ist. Also denke ich einfach an das Gelbkraut und das Gegenmittel.«
Das Buch blätterte los. Seite für Seite schlug sich von selbst um, bis die richtige Stelle
erreicht war.
»Gegenmittel zu Gelbkrautgift«, las Luna vor. »Drei Löffel Mondlichtzucker, ein ---«
»Haben wir!«, rief Larissa dazwischen.
»Gut. Dann ein Blatt des allwissenden Baumes, ein Keks des Glücks, eine Prise Wolkenzimt und
gehackte Blaubaumrinde.«
»Bis auf die Blätter und die Kekse haben wir alles.« Larissa verschwand auf ihrem Drehstuhl
rollend in der Vorratskammer und überreichte Luna die benötigten Zutaten. Die verstaute sie
zusammen mit dem geschrumpften Buch in ihren Taschen.
»Also gut. Woher bekommen wir das Blatt und das Keks?«, fragte ich.
»Ich denke, ihr solltet zuerst das Blatt holen. Der Baum ist nicht so weit weg«, überlegte
Larissa.
Ich reckte die Faust in die Luft. »Dann nichts wie los!«
Der allwissende Baum.
Der allwissende Baum war ein gigantisches Kunstwerk der Natur. Scheinbar wuchs das Ungetüm unter
der Erde aus einer riesigen Höhle nach oben. Heraus schaute nur die enorme Krone. Da wir hier in
der warmen Zone waren, lag kein Schnee und die Blätter strahlten in sattem Grün.
Allein der dünnste Ast war unterarmdick, und über die meisten konnte man sogar gehen.
Auf solch einen dicken Ast lotste uns Luna jetzt, bis wir am Stamm auf eine Wendeltreppe
stießen. Langsam stiegen wir hinunter.
»Woher weißt du den Weg?«, fragte ich Luna.
»Ich war schon einmal hier, vor langer Zeit. Außerdem bin ich eine Hexe. Ich habe ein Händchen
für Natur – da spüre ich Treppen in einem Baum locker auf.« Sie grinste.
Während des Abstiegs fiel mir auf, wie viele Fabelwesen hier lebten. Sie wohnten in Nestern, in
der Rinde, in hängenden Körben oder gestapelten Baumhäusern.
»Wow!«, staunte ich. So viele verschiedene Arten hatte ich noch nie gesehen. Elfen, Feen,
Wichtel, Waldtiere, Pixies, Trolle, Zwerge und noch viele andere, die ich nicht kannte.
Unten angekommen besuchten wir gleich den Hüter des Baumes. Er war ein alter, runzliger Wichtel
und sehr nett, aber er verwehrte uns ein Blatt. »Wir geben nie Blätter des Baumes her. Das wäre
unverantwortlich. Ich denke, ihr wisst, für welche Grausamkeiten man unsere Blätter verwenden
kann!«
Doch sein Gesicht wechselte schlagartig von wütend zu besorgt, als jemand laut »Wasser!«
rief.
»Wasser! Überall Wasser! Die Hexen! Sie kommen!!!«
Enttäuscht sah uns der Hüter an. »Ihr habt sie hergebracht …«
Riesige Wassermassen brachen von oben in die Höhle.