Kapitel 16
-Larissa-

Unruhig wippte ich mit meinem gesunden Fuß. Der Heiler würde schon bald, vielleicht schon morgen, ankommen.
Ich musste mich mit irgendetwas ablenken. Ich rollte den Drehstuhl zu einem Regal und nahm mir ein Buch über Hexen zur Hand.
Nur während dem Lesen konnte ich richtig abschalten. Dann vergaß ich alles um mich herum. Genau das brauchte ich in diesem Moment.

Nach nur kurzer Zeit legte ich meine Lektüre zur Seite. Ich wusste jetzt, dass Hexen angeblich mit sehr alten Gegenständen abzuwehren waren, aber das half mir doch auch nicht weiter!
Verzweifelt warf ich einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne stand mittlerweile schon hoch am Himmel. Es war bestimmt schon fast Mittag. Und noch immer kein Lebenszeichen meiner Freunde!
Zum dritten Mal versuchte ich, sie zu erreichen. Ich nahm meine Muschel und rief hinein: »Lina? Louisa? Luna? Wo seid ihr? Ist etwas passiert?!?«
Das Rauschen erklang, aber dabei blieb es. Keine Antwort.

Es musste doch etwas passiert sein. Die Geschwister hatten versprochen, mich gleich nach dem Aufstehen anzurufen. Und so lang konnten sie nicht schlafen. Und da die Muscheln gleich alles herauströteten, mussten meine Freunde sie doch hören!
Um mich abzulenken, drehte ich mich im Drehstuhl einmal im Kreis. Plötzlich vernahm ich ein Rauschen, das leise anzuschwellen schien. Es kam aus Richtung Fenster.
Die bodentiefen Scheiben erzitterten zuerst, bevor sie mit einem lauten Klirren zerbarsten, während eine ganze Meute schwarzer Hexen hereinströmte.
Sie waren überall. Und sie wollten mich.

Geistesgegenwärtig erinnerte ich mich an die Passage aus dem Text: »Wenn er im Besitz eines alten, bestenfalls uralten Gegenstandes seie, könne er die Hexen durch bloße Annäherung und speziell durch Berührung leichtestens weichen lassen, wenn nicht sogar komplett abwenden.«
Blitzschnell, bevor es zu spät war, sprang ich auf und hüpfte einbeinig zu der alten Vitrine im hinteren Teil der Bibliothek.
Ich drosch meinen Ellbogen in die alten Scheibe, die sofort zerbrach.
Dahinter lag nur ein einziger Gegenstand: ein hölzerner Zauberstab. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie man Zauberstäbe verwendet, aber alt war er, sehr alt sogar. Die Hexen hatten mich inzwischen umzingelt.

Planlos fuchtelte ich mit dem Stab durch die Luft, in der Hoffnung, dass sich die Hexen dadurch beeindrucken ließen. Die blickten jedoch weiter geradeaus, allerdings machten sie den Kreis auch nicht enger.
Ziellos humpelte ich in eine Richtung auf den Ring zu, und tatsächlich: Die Hexen dort wichen zurück.
Ich hüpfte auf einem Bein weiter, bis eine Hexe vor mir an der Wand stand. Ich tippte sie nur leicht mit dem Zauberstab an, doch sie zuckte zusammen, als hätte sie einen Stromschlag bekommen.
Sie nickte mir anerkennend zu, dann verpufften wie auf ein Kommando alle Hexen als schwarze Wolken. Eine enorme Schar Raben stieb aus dem Fenster.
Und als wäre das noch nicht genug, kam jetzt auch noch ein Wolfsrudel auf mich zugelaufen.
Ein Wolf nach dem anderen sprang durch die zerbrochene Scheibe.

»Hallo Larissa!«, ertönte eine sanfte, tiefe Stimme.