Kapitel 15
-Luna-

In aller Eile wischte ich mir die getrockneten Algen aus dem Gesicht. Die beiden Schwestern waren schon losgelaufen. Rasch sprintete ich ihnen nach.
Mit einem Blick zurück rief Lina uns zu: »Die sind zu schnell für uns. Die holen uns gleich ein!«
»Ich habe eine Idee!«, brüllte ich gegen den Wind an. Ich legte in vollem Lauf die Hände an den Mund, wie einen Trichter. Jetzt imitierte ich das Heulen eines Wolfes so gut es ging. Das hatte mir meine Oma beigebracht – denn sie liebte alle Tiere.
Nur wenige hundert Schritte weiter gesellte sich einstimmiges Getrappel zu unserem unrhythmischen Stampfen. Unser Lauf wurde von einem Rudel Schneewölfe flankiert. Aus der Masse löste sich ein Wolf. Es musste der Alphawolf sein.
Auf einmal öffnete er sein Maul, als wollte er sprechen. Und tatsächlich: Mit sanfter, tiefer Stimme sprach er zu uns: »Ah! Hallo Lina! Und hallo Louisa! Und wer bist du?«
Zuerst war ich verwirrt, dann erinnerte ich mich an Linas Erzählung. Sie hatte diesen Wolf verzaubert.
»Das ist Luna, unsere neue Freundin!«, rief Lina.
»Eure Freunde seien auch meine Freunde«, sagte der Wolf. »Aber jetzt solltet ihr euch besser beeilen, denn die Hexen holen euch bald ein.«

Ich pflückte ein Büschel Kräuter aus meiner Tasche und warf es auf den Leitwolf neben mir. Gleichzeitig murmelte ich die magischen Worte meiner Oma. Hoffentlich funktionierten sie.
»Berührt den Wolf!«, brüllte ich zu meinen Freunden.
Ich strich einmal über das seidige Fell. Dann veränderte sich meine Wahrnehmung.
Mein Inneres wurde zusammengedrückt, dann sah ich alles wie in Zeitlupe. Meine Nase nahm jeglichen Geruch in hunderten Metern Entfernung wahr. Ich fiel auf alle Viere und ließ meine lange Zunge aus dem Maul hängen. Dann sprintete ich los.
Neben mir rannten zwei Wölfe, die genau gleich aussahen. Ich wusste instinktiv, dass es Lina und Louisa waren.
»Das ist voll cool!«, heulte Louisa. Ich konnte sie problemlos verstehen.
Plötzlich bellte einer der vordersten Wölfe. »Da vorne ist eine Schlucht. Da können wir nicht drüber springen, sie ist zu breit. Wir müssen umkehren und einen anderen Weg nehmen!«
»Aber die Hexen? Wir laufen ihnen direkt in die Arme!«, rief ich.
Lina sprintete neben mich. »Die anderen Wölfe sollen sich einen anderen Weg suchen! Wir laufen weiter.«
Die Wölfe verschwanden alle nacheinander im Wald. Nur der Alphawolf lief noch neben uns. Auf einmal verstummte unser Pfotengetrappel. Die Wolfspfoten galoppierten durch die Luft. Dann kam die Schlucht. »Viel Glück!«, rief uns der Alphawolf nach, der jetzt auch umdrehte.
In hohem Bogen segelten wir durch die Luft. Als wir fast auf der anderen Seite waren, ließ Linas Magie nach. »Ich kann uns nicht mehr halten. Wir werden abstürzen.«, rief sie.
»Du schaffst das!«, feuerten Louisa und ich sie an.
Mit Ach und Krach erreichten wir die andere Seite und kugelten einige Meter durch den Schnee. Die Hexen überquerten die Schlucht mühelos.
»Jetzt kriegen sie uns«, seufzte Louisa.
Aber ganz im Gegenteil: Die Hexen flogen einfach über uns hinweg. Wir wurden mit Schnee vollgespritzt. Die schwarzen Schatten verschwanden in entgegengesetzter Richtung im Wald.

Erschrocken keuchte ich auf. »Was haben sie vor?!?«