Kapitel 14
-Lina-

Leise schlichen wir durch das dunkle Haus des nachfolgenden Hexenmeisters. Ich hoffte inständig, dass es hier keine Fallen oder Alarmsysteme gab. Aber meine Sorge war unbegründet. Wir erreichten die Kammer ohne Unterbrechungen.
Vorsichtig näherte ich mich mit kleinen Schritten dem Regal. In der Dunkelheit konnte ich den Umschlag fast nicht erkennen.
Das Herz klopfte mir bis zum Hals.
Als ich den Einband berührte, glomm das Buch leicht auf, ansonsten passierte nichts.
Ich hob den schweren Band an und überreichte ihn Luna. In ihrer Nähe leuchtete das Buch sofort heller auf. Kein Wunder, es war ja ein Hexenbuch. Luna flüsterte ihre magische Formel und das Buch schrumpfte sofort zusammen.
»So, nichts wie raus hier!«, flüster-rief ich den anderen zu.

Es war stockdunkel. Nur ab und zu schien der fahle Mond zwischen den dichten Nadelbäumen hindurch, wenn er gerade von keiner Wolke verdeckt wurde.
Wir hatten es unbemerkt aus dem Haus geschafft, kein Alarm, keine Fallen. Der Schnee knirschte leise unter unseren Sohlen.
Mist! Ich war zum wiederholten Mal gegen einen Baumstamm gelaufen. Morgen würde ich sicher einige blaue Flecken haben. Aber wir hatten beschlossen, keine Magie zu verwenden – auch nicht für Licht –, denn wir wussten nicht, ob uns der neue Hexenmeister sonst bemerken würde.
»Au!«, rief Luna, als sie gegen einen tiefhängenden Ast lief. Sofort war ich bei ihr. So viel ich in der Dunkelheit erkennen konnte, hatte sie eine ziemliche Beule an der Stirn.
»Das müssen wir behandeln!«, rief Louisa.
»Stimmt«, bekräftigte ich sie. »Hast du irgendein Heilmittel, Luna, oder können wir eines herstellen?«
Luna hockte sich hin und lehnte sich an einen Baum. Sie zog stöhnend ein Büschel Pflanzen aus ihrer Tasche. »Ich glaube, wir sollten uns hier bis morgen ausruhen. Ich brauch mal ‘ne Pause – und diese Algen sollten eine Weile einwirken …«
Also schlugen wir rund um den Baum unser Lager auf. »Ich glaube, wir sind jetzt schon weit genug entfernt, um ein wenig zu zaubern«, merkte Luna an.
Deshalb wünschte ich mir in Gedanken den Schnee rund um den Baum weg.
Schlagartig saßen wir zehn Zentimeter tiefer.

Louisa war aufgesprungen und rieb sich den Hintern. »Lina!«, beschwerte sie sich.
»Oh je, jetzt habe ich den Wunsch nicht genau genug formuliert …«
Aber meine Schwester fing an zu lachen und neckte mich: »Das passiert den Besten mal!«
»Ich gehöre bei Weitem nicht zu den Besten!«, empörte ich mich, musste aber auch lachen.

Während Luna sich die Algen aufs Gesicht legte, kam Louisa zu mir. »Glaubst du, es war richtig, das Buch zu stehlen?«
»Ich denke schon. Schließlich retten wir die Hexen und alle Dörfer, die sie noch zerstören wollen. Und wir haben die Unterstützung vom alten Hexenmeister. Also, ja.«
»Bist du sicher?«
»Ja.«
»Okay«, gab sich meine Schwester zufrieden.
Dann legten wir uns schlafen.

Ich schreckte von einem gewaltigen Gekrache und Gerumple auf. Entsetzt blickte ich in die Richtung der Geräusche. Aus der Ferne näherten sich, von der Morgensonne beleuchtet, dunkle Gestalten.
»Die Hexen kommen!«, rief ich meinen Kameradinnen zu, die mittlerweile auch neben mir standen.