Kapitel 13
-Luna-

Verdattert starrte ich den Hexenmeister an.
»Kommt doch erst mal rein, dann erkläre ich euch alles!«, bot er uns an und hielt die Tür auf.

»Wisst ihr, ich werde langsam zu alt für diesen Job. Deshalb werde ich das Amt des Hexenmeisters bald abtreten. Und ich habe schon einen Kandidaten gefunden, der neuer Hexenmeister wird. Ich habe ihm vor ein paar Tagen das Buch überlassen, damit er sich darum kümmert. Deshalb kann ich es euch nicht geben. Aber ich habe eine Idee: Ihr besucht ihn einfach. Sagt, Dodo schickt euch, dann wird er euch das Buch sicher geben. Wenn ihr wollt, bringt euch Isi hin!«
»Das ist eine wunderbare Idee!«, rief Lina. »Aber wer ist Isi?«
»Ach so, die. Das ist meine Eisdrachin. Ihr habt sie vorhin schon getroffen. Eigentlich ist sie ganz lieb.«
»Und warum hat sie mich dann eingefroren?«, fragte Louisa.
Der Hexenmeister schmunzelte. »Das heißt, dass sie dich mag. Sie friert nur nette Leute ein. Und man kann innerhalb des Eises atmen. Danach hätte sie dich wieder aufgetaut. Stell dir das vor, wie wenn dir ein Hund das Gesicht abschlabbert.« Leicht angewidert verzog Louisa das Gesicht.
»Na, dann hätte ich den Trank ja gar nicht brauen müssen!«, sagte ich gespielt entrüstet. »Immerhin ist es der Einzige, der funktioniert …«
»Aber nein! Dieser Spruch gehört zu den Überlebenszaubern«, erklärte der Hexenmeister. »Diese Zauber kann jede Hexe und jeder Hexer von Geburt an – sie sind ja sehr wichtig. Für andere muss man viel üben! Und ich gebe dir einen Tipp.« Er beugte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr: »Noch lange bevor ich Hexenmeister wurde, war ich auch nicht gerade der Beste im Zaubern. Aber ich hatte einen Trick: Ich habe einen Naturgegenstand in die Hand genommen, während ich den Spruch gesagt habe. Das kannst du auch versuchen: ein Blatt, ein Stück Holz, Erde, irgendwas!«
»Danke!«, flüsterte ich. Das würde ich gleich beim nächsten Mal ausprobieren.

Wir verabschiedeten uns vom Hexenmeister und kletterten auf den Rücken von Isi, die mittlerweile wieder aufgewacht war. Sie bekam noch einige geflüsterte Anweisungen von ihrem Meister, dann nahm sie Anlauf. Wir hoben ab.
Der Hexenmeister winkte uns noch nach, bis er so klein war wie eine Ameise.
Sanft glitten wir durch die Luft.
»Ach«, rief Lina plötzlich. »Wir haben Larissa schon wieder vergessen!«
Sofort zückte sie ihre Muschel.
Nach dem dritten Tuten meldete sich Larissa: »Ah hallo! Wie sieht’s aus bei euch? Habt ihr das Buch?«
Während dem sanften Flug zum zukünftigen Hexenmeister klärten wir Larissa über alles Geschehene auf.
»Tut mir leid, aber zum neuen Hexenmeister kann ich euch leider nichts sagen … Bis der hier in unserer staubigen Bibliothek auftaucht, vergehen Jahre!«
»Macht nichts! Das finden wir eh bald raus!«, rief Louisa.
Lina meldete sich zu Wort: »Larissa, es wird bald dunkel und wir suchen uns nach unserem Besuch einen Schlafplatz. Aber gleich morgen nach dem Aufstehen melden wir uns wieder bei dir. Versprochen!«
»Okay! Bis morgen!« Damit verstummte die Muschel.
Mittlerweile war die Drachin schon im Landeanflug. Vor einem schönen, dreistöckigen Haus setzte sie sanft auf und ließ uns absteigen. Dann hielt sie das Versprechen des Hexenmeisters und schlabberte Louisa einmal quer über das Gesicht. Mit einer riesigen, gespaltenen Drachenzunge!
»Iiiih!«, kreischte Louisa, musste aber gleich darauf lachen.
Isi grinste uns mit ihrem Drachenmaul an, oder zumindest sah es so aus, dann flog sie mit kräftigen Flügelschlägen zurück ins Eisgebirge.

Der zukünftige Hexenmeister war ein freundlicher, junger Mann namens Rohan. Nachdem wir gesagt hatten, dass uns Dodo schickte, ließ er uns sofort ein und zeigte uns stolz eine Kammer, in der das Buch verwahrt war.
Aber als wir das gesuchte Rezept erwähnten, lehnte er sofort ab. »Dieses Rezept ist viel zu gefährlich! Nur ein winzigster Fehler kann Katastrophen auslösen! Ich kann es euch nicht geben – und selbst zubereiten werde ich es auch nicht. Aber ich bin mir sicher, es gibt noch eine andere Möglichkeit. Ich werde mich heute Abend noch in meiner Bibliothek umsehen. Wenn ihr wollt, könnt ihr heute bei mir schlafen.«

Später, im Gästebett, flüsterte ich meinen Freundinnen zu: »Der Hexenmeister findet keine Alternative, er sucht schon den ganzen Abend danach. Wir haben aber keine Zeit zu warten, vielleicht gibt es auch keine andere Möglichkeit. Wir müssen jetzt handeln, uns selbst darum kümmern. Ich fürchte, wir müssen das Buch der Hexenmeister klauen …«