Kapitel 12
-Louisa-

Ich konnte meine Schwester und Luna weiter an dem Trank arbeiten sehen. Aber ich konnte mich nicht mehr bewegen.
Ich sah, wie mein Feuer unter dem Kessel erlosch und dann, wie Luna entsetzt zu mir blickte.
Das musste schon ein erschreckender Anblick sein, ich hier, mitten in der Bewegung erstarrt, eingefroren in einen gigantischen Eiswürfel.
Der Eisdrache hatte mich voll erwischt.

Doch Luna konzentrierte sich zum Glück weiter auf den Trank und kippte ihn zusammen mit Lina in das Fläschchen. Nicht, dass sie auch noch eingefroren werden würde.
Langsam wurde mir die Luft knapp. So lang halte ich sie sonst nicht an. Testweise versuchte ich, einzuatmen – und es klappte. Ich konnte trotz der dicken Eisschicht ganz normal atmen. Das musste an meiner Magie liegen … Nun wieder entspannt beobachtete ich, wie Luna das Fläschchen verkorkte. Der Drache schnaufte und holte tief Luft für seinen nächsten Gefrieratemstoß.
Doch Luna war schneller. Sie warf das Fläschchen mit zielsicherer Genauigkeit auf den Drachen. Es zerbrach und die rote Flüssigkeit sickerte binnen Sekunden in die ledrige Haut ein.
Lina hatte sich inzwischen einen der Eispickel geschnappt und schlug ihn so fest sie konnte in meinen Eisblock. Ein Riss breitete sich aus und der Block klappte wie eine Eierschale nach links und rechts auf.
Ohne ein hektisches Atmen grinste ich Lina an. Die schaute ziemlich verdutzt aus der Wäsche. »Du hast gerade länger als eine Minute die Luft angehalten. Und jetzt musst du nicht schnaufen?«
Ich lachte und erklärte ihr, dass ich im Eisblock atmen konnte.
Der Drache drehte sich ein paar Mal im Kreis, bevor er sich gemächlich hinlegte. Er schloss die Augen und fing gleich an zu schnarchen. Mit jedem Atemzug vibrierte die Erde ein wenig. Er schlief tief und fest.

»Juchuuu!«, rief Luna und hüpfte in die Luft. »Das ist das erste Mal, dass einer meiner Tränke etwas bringt!«
»Ich habe dir doch gesagt, dass du es kannst!«, meinte Lina. »Du musst einfach genug üben, dann kannst du alles schaffen!«
»Danke, dass ihr an mich geglaubt habt!« Luna zog uns in eine feste Umarmung. Dann packte sie ihren Kessel und die restlichen Kräuter ein und wir machten uns wieder auf den Weg.
Obwohl der Drache immer noch genüsslich schnarchte, schlichen wir so leise wie möglich an ihm vorbei. Dahinter klatschten wir uns ab. Wir hatten die Gefahr überstanden!

Das Plateau wurde zum nächsten Berghang hin schmäler und bildete eine Art Tal. Ganz am Ende war eine kleine, hölzerne Tür in die Felswand gebaut. Darüber sah man ein rundes Fenster und noch weiter oben ragte ein krummer Schornstein aus dem Gestein. Rauch kräuselte sich darüber – also war jemand zu Hause.
Wir legten die letzten Meter bis zum Eingang im Laufschritt zurück. Die Tür hatte in der Mitte einen großen hölzernen Klopfer. Luna betätigte ihn drei Mal.
Zuerst hören wir schlurfende Schritte, dann schwang die Tür auf. Dahinter stand ein alter Mann mit einem langen, verfilzten Bart. Der Hexenmeister.
Nachdem Luna ihm erklärt hatte, dass wir das Buch der Hexenmeister für ein Gegenmittel zum Gelbkraut brauchten, runzelte er die Stirn und sah uns eine Weile nachdenklich an.

»Das freut mich, dass ihr mich besuchen kommt. Aber ich habe das Buch nicht.«