Kapitel 11
-Luna-

Der Schnee rieselte vollends von dem Ding herunter und langsam ergab sich eine Form. Ganz klar: Das war ein Drache. Ein Eisdrache. Und er war nicht gerade entspannt.
»Mensch!«, rief Lina. »So ein großes Tier kann ich mit meiner Magie nicht beruhigen. Ich habe schon beim Eisbären fast meine ganze Magie verbraucht. Das schaffe ich nicht.«
Ich atmete einmal tief ein und aus, bevor ich sagte: »Wir dürfen jetzt nicht aufgeben! Ich kenne einen Zaubertrank, der Lebewesen beruhigen kann. Auch große. Es ist der einzige Zauber, den ich so ziemlich kann. Zumindest bis jetzt ist er noch nie schiefgelaufen. Aber ihr müsst mir helfen!«
»Klar!«, rief Louisa. »Was müssen wir tun?«
»Gut. Lina? Ich brauche frische Kräuter! Hier, die sind es.« Ich drückte ihr ein paar übriggebliebene Blätter in die Hand. »Such mit deiner Magie nach ihnen, sie sollten hier überall wachsen. Du musst sie einfach aus dem Schnee ausgraben und sie dann ausrupfen. Wenn du kannst, bring bitte ungefähr drei Handvoll.« Ich blickte zu Louisa. »Und du musst mir meinen Topf erhitzen, weil wir hier auf die Schnelle kein Feuer machen können!«

Ich zog einen fingergroßen Kessel aus meiner Tasche und murmelte die bekannten magischen Worte. Der Kessel wuchs auf die zehnfache Größe, groß genug für einen Trank. Ich stellte ihn auf den Boden und schaufelte Schnee hinein. Lina rieb ihre Handflächen, und schon sprühten die Magiestrahlen aus ihren Fingern auf das Metall.
Nach kurzer Zeit knisterte ein kleines magisches Feuer unter meinem Kessel. Der Schnee rundherum war weggeschmolzen, sodass ich in einem Ring aus matschiger Wiese stand. Na ja, besser als nichts. Auch der Schnee im Kessel war schon zu Wasser geworden und kurz vorm Kochen.
Besorgt warf ich einen Blick auf den Drachen. Er bewegte sich gemächlich, allerdings musste er schon längst gerochen haben, dass wir hier waren.
Zum Glück war es ein Eisdrache. Die brauchten immer ewige Zeit zum ›Warmwerden‹ …
Viel von dieser Zeit blieb uns allerdings nicht mehr.

Endlich kam Lina zurückgelaufen. »Hier, ich hoffe, das sind die richtigen!« Sie streckte mir ein Büschel des Krauts entgegen.
»Ja, das sollte ausreichen«, murmelte ich und warf die Kräuter in das kochende Wasser.
Sofort färbte sich dieses in einem hellen Gelb. Jetzt musste es schnell gehen. Ich zog den Teleskop-Kochlöffel aus meiner Tasche und fuhr ihn auf seine volle Länge aus. Dann rührte ich damit gegen den Uhrzeigersinn in dem Topf, während ich leise eine Zauberformel flüsterte.
Das Wasser wurde rötlich. Gut. Soweit hatte es funktioniert. Ich war erleichtert. Schweißtropfen rannen von meiner Stirn, obwohl wir mitten im Eisgebirge waren. Ich hatte schon die nächste Zaubertrankexplosion vor mir gesehen – und das hätte den Drachen nur noch wütender gemacht.
Apropos Drache: Der schnaubte laut auf. Jetzt hieß es schnell sein. Ich fügte noch eine Prise Salz hinzu. Dann winkte ich Lina zu mir. »Wir müssen den Kessel langsam kippen, sodass der Trank in dieses Fläschchen läuft.« Ich hielt die Glasphiole hoch. »Und hier hast du Handschuhe, damit du dich nicht verbrennst.« Ich reichte ihr das Paar.
Doch zum Abfüllen kamen wir gar nicht mehr.

Denn der Eisdrache schnaubte noch einmal und plötzlich versiegte Louisas magisches Feuer mit einem hässlichen Zischen.