Der Schnee rieselte vollends von dem Ding herunter und langsam ergab sich eine Form. Ganz klar:
Das war ein Drache. Ein Eisdrache. Und er war nicht gerade entspannt.
»Mensch!«, rief Lina. »So ein großes Tier kann ich mit meiner Magie nicht beruhigen. Ich habe
schon beim Eisbären fast meine ganze Magie verbraucht. Das schaffe ich nicht.«
Ich atmete einmal tief ein und aus, bevor ich sagte: »Wir dürfen jetzt nicht aufgeben! Ich kenne
einen Zaubertrank, der Lebewesen beruhigen kann. Auch große. Es ist der einzige Zauber, den ich
so ziemlich kann. Zumindest bis jetzt ist er noch nie schiefgelaufen. Aber ihr müsst mir
helfen!«
»Klar!«, rief Louisa. »Was müssen wir tun?«
»Gut. Lina? Ich brauche frische Kräuter! Hier, die sind es.« Ich drückte ihr ein paar
übriggebliebene Blätter in die Hand. »Such mit deiner Magie nach ihnen, sie sollten hier überall
wachsen. Du musst sie einfach aus dem Schnee ausgraben und sie dann ausrupfen. Wenn du kannst,
bring bitte ungefähr drei Handvoll.« Ich blickte zu Louisa. »Und du musst mir meinen Topf
erhitzen, weil wir hier auf die Schnelle kein Feuer machen können!«
Ich zog einen fingergroßen Kessel aus meiner Tasche und murmelte die bekannten magischen Worte.
Der Kessel wuchs auf die zehnfache Größe, groß genug für einen Trank. Ich stellte ihn auf den
Boden und schaufelte Schnee hinein. Lina rieb ihre Handflächen, und schon sprühten die
Magiestrahlen aus ihren Fingern auf das Metall.
Nach kurzer Zeit knisterte ein kleines magisches Feuer unter meinem Kessel. Der Schnee rundherum
war weggeschmolzen, sodass ich in einem Ring aus matschiger Wiese stand. Na ja, besser als
nichts. Auch der Schnee im Kessel war schon zu Wasser geworden und kurz vorm Kochen.
Besorgt warf ich einen Blick auf den Drachen. Er bewegte sich gemächlich, allerdings musste er
schon längst gerochen haben, dass wir hier waren.
Zum Glück war es ein Eisdrache. Die brauchten immer ewige Zeit zum ›Warmwerden‹ …
Viel von dieser Zeit blieb uns allerdings nicht mehr.
Endlich kam Lina zurückgelaufen. »Hier, ich hoffe, das sind die richtigen!« Sie streckte mir ein
Büschel des Krauts entgegen.
»Ja, das sollte ausreichen«, murmelte ich und warf die Kräuter in das kochende Wasser.
Sofort färbte sich dieses in einem hellen Gelb. Jetzt musste es schnell gehen. Ich zog den
Teleskop-Kochlöffel aus meiner Tasche und fuhr ihn auf seine volle Länge aus. Dann rührte ich
damit gegen den Uhrzeigersinn in dem Topf, während ich leise eine Zauberformel flüsterte.
Das Wasser wurde rötlich. Gut. Soweit hatte es funktioniert. Ich war erleichtert. Schweißtropfen
rannen von meiner Stirn, obwohl wir mitten im Eisgebirge waren. Ich hatte schon die nächste
Zaubertrankexplosion vor mir gesehen – und das hätte den Drachen nur noch wütender gemacht.
Apropos Drache: Der schnaubte laut auf. Jetzt hieß es schnell sein. Ich fügte noch eine Prise
Salz hinzu. Dann winkte ich Lina zu mir. »Wir müssen den Kessel langsam kippen, sodass der Trank
in dieses Fläschchen läuft.« Ich hielt die Glasphiole hoch. »Und hier hast du Handschuhe, damit
du dich nicht verbrennst.« Ich reichte ihr das Paar.
Doch zum Abfüllen kamen wir gar nicht mehr.
Denn der Eisdrache schnaubte noch einmal und plötzlich versiegte Louisas magisches Feuer mit
einem hässlichen Zischen.