Eine Gestalt trat zwischen den Bäumen hervor. Erleichtert atmete ich aus. Es war definitiv nicht
Paul, Leos Vater. Es war ein Mädchen, ungefähr in Linas Alter. »Hallo! Jetzt habt ihr mich
entdeckt…«, rief sie leicht enttäuscht. Meine Schwester fragte sofort nach: »Warum? Schleichst
du uns etwa heimlich nach?« »Na, ich wollte wissen, was ihr hier macht. Reine Neugierde!«
»Aber warum fragst du uns nicht einfach?«, wollte ich wissen. »Nun ja, nicht jeder ist so
freundlich wie ihr. Es gibt durchaus auch böse Leute hier in Winterland. Aber ihr seid nicht von
hier – deshalb habe ich euch auch beobachtet. Ich muss wissen, was neue Leute hier so treiben.
Also: Was wollt ihr?«
»Wir wollen zur Teufelshöhle«, erklärte ich. »Ah, die berühmt-berüchtigte Teufelshöhle…« »Warst
du schon einmal dort?« »Nein, aber es gibt viele Geschichten darüber. Fast keine hat ein gutes
Ende…« »Aber du kannst uns den Weg zur Höhle zeigen?« »Ja, ich denke, ich kenne den Weg dorthin
noch. Immerhin bin ich schon seit einiger Zeit hier. Los, wir müssen da lang! Folgt mir!«
»Kommst du gar nicht von hier?«, fragte ich. »Nein«, kam die knappe Antwort. »Und warum bist du
jetzt hier?« »Ich rede nicht gerne darüber«, erklärte sie, also fragte ich nicht weiter.
Schweigend gingen wir ein Stück weiter, dann fragte sie plötzlich: »Was wollt ihr in der
Teufelshöhle? Sicher nicht einfach nur anschauen. Keiner will das. Alle wollen etwas
Bestimmtes.« Mit leiserer Stimme fügte sie hinzu: »Aber bis jetzt hat es keiner geschafft…«
»Was soll das heißen, keiner hat es geschafft?«, fragte Lina entsetzt. »Tja, die Höhle ist sehr
gut bewacht. Fast alle sind bereits am Anfang gescheitert. Und die, die die Höhle betreten
konnten, wurden seither nie mehr gesehen… Aber ich bin mir sicher, dass wir es schaffen!
Gemeinsam ist es auf jeden Fall leichter! Was wollt ihr denn in der Höhle?« »Na gut«, fing Lina
an. »Aber zuerst musst du uns deinen Namen verraten!«
»Ups, das hab ich ganz vergessen! Ich bin Larissa!«
»Also, Larissa, wir suchen nach einem Amulett. Aber ich fange besser von vorne an…«
Und dann erzählten Lina und ich die komplette Geschichte von Beginn an. Larissa staunte nicht
schlecht, als wir geendet hatten.
»Boah! Und das alles in nur eineinhalb Tagen! Wahnsinn! Und du kannst wirklich Magie wirken?«
»Ja!«, antwortete ich stolz. »Soll ich dir was vorführen?« »Gerne!« »Was willst du denn sehen?«
»Hm… Kannst du diesem Baum da hinten im Winter alle Blätter wachsen lassen?« »Klar, ich
versuch‘s…«
Wie immer rieb ich zuerst meine Handflächen aneinander. Dann stellte ich mir den Baum vor, wie
ihm langsam Blätter auf allen Zweigen sprossen. Um das Ganze zu vollenden, ließ ich die Blätter
im Geiste noch bunt werden und schließlich abfallen.
Und siehe da, kaum hatte mein Magieblitz den Baum getroffen, passierte genau das, was ich mir
vorgestellt hatte.
Larissa fielen fast die Augen aus dem Kopf, so begeistert war sie. »Unglaublich! Ich habe schon
oft Magie gesehen, aber hier, direkt vor mir! Das ist wirklich toll! Leider kann ich selbst
keine Magie wirken.« Lina ergänzte: »Ich habe so eine Art Mittelstufe. Ich kann Magie wirken,
aber nur, wenn ich starke Gefühle habe, also Angst, Wut oder etwas anderes. Dann wünsche ich mir
etwas im Geiste und es funktioniert.«
»Also haben wir nur noch bis morgen um Mitternacht Zeit? Das wird knapp. Aber zusammen schaffen
wir das!«, rief Larissa voller Vorfreude. Wir kamen an eine Abzweigung auf einer kleinen
Lichtung. »Mist! Hier weiß ich nicht, wie der Weg weitergeht…«, fluchte sie.
Gleichzeitig hörten wir Geräusche aus dem Wald. »Nicht schon wieder!«, stöhnte Lina.
Wir blickten in viele tiefrote Schneewolfaugen.