Kapitel 1
-Lina-

Ich schlug die Augen auf. Dann donnerte ich meine Hand auf meinen Wecker, damit dieser endlich Ruhe gab. Ich blieb noch ein paar Sekunden liegen, bevor ich mich langsam aufsetzte. Ich kletterte aus meinem Bett und schlurfte ins Bad.
Meine kleine Schwester Louisa kam mir entgegen. »Lina! Lina! Ich muss dir etwas Wichtiges sagen!« »Gleich…«, murmelte ich. Zuerst wollte ich ins Bad.

Fertig angezogen trabte ich die Treppe hinunter. Im Esszimmer waren schon unsere Eltern. »Einen guten Samstagmorgen!«, trällerte mir Mama entgegen. Sie ist am Samstag immer wahnsinnig fröhlich, weil sie frei hat und dann immer shoppen geht.
»Guten Morgen«, murmelte ich zurück und setzte mich. Ich nahm meine Tasse und füllte mir Kakao ein.
»Guten Morgen!«, trompetete Louisa und hüpfte auf ihren Stuhl. »Lina? Hast du jetzt Zeit?« »Könnt ihr das nicht später bereden?«, murrte Papa. Am Morgen ist er immer sehr mürrisch. »Sicher!«, sagten wir gleichzeitig.

»Raus damit!«, sagte ich zu meiner Schwester, die neben mir auf meinem Bett kniete. »Also… Ich hab heute mein neues Buch gelesen. Das über den Weihnachtsmann und seine Elfen. Die Elfen sind voll nett und…«
Ich glaubte nicht an solche Märchen mit Feen, Elfen, Wichteln oder anderen Fabelwesen. Aber dennoch versuchte ich, Louisa zuzuhören. Ich hoffte nur, dass das nicht zu lange dauern würde, da ich noch in die Bibliothek musste.
Offenbar hatte ich bei diesem Gedanken das Gesicht verzogen, denn Louisa blickte mich an. »Du hast mir ja gar nicht zugehört!«, rief sie entrüstet. »Ich wünsche mir, du würdest meine Wesen selbst einmal treffen!« Sie stampfte aus meinem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
Auf einmal fühlte ich einen leichten Windhauch und die Luft knisterte ein bisschen. Ich glaubte, sogar ein Glitzern gesehen zu haben.
Ich blinzelte. Aber alles war wieder normal. Es musste eine Lichtspiegelung gewesen sein. Gleichgültig nahm ich mir mein Buch, das ich vor dem Zurückbringen noch auslesen wollte.

Unsere Mama war heute in ihr Lieblingsgeschäft gegangen. Das dauert immer etwas länger. Und Papa war zur Arbeit gefahren, er hatte Wochenenddienst. Also waren wir zwei allein zu Hause.
Ich hatte es mir mit meinem Buch im Bett bequem gemacht, als Louisa hereinplatzte: »Schau mal! Das ist unten in der Küche gelegen. Es ist ganz sicher eine Nachricht von den Elfen! Vielleicht beschweren sie sich, weil du nicht an sie glaubst…« Sie drückte mir einen grünen Umschlag in die Hand.
Er glitzerte von oben bis unten. Anstatt einer Adresse stand in silbernen Buchstaben ›Louisa und Lina‹ auf dem Umschlag. Ich schmunzelte. Sicher war der Brief von Mama und Papa, um Louisa aufzuheitern. »Na, dann mach ihn doch auf«, riet ich und gab ihr den Umschlag zurück.
Vorsichtig zog sie die Lasche heraus und fischte ein cremeweißes Papier heraus. »Ich kann das nicht lesen! Da ist nur Kuddelmuddel zu sehen…«, murmelte meine Schwester. »Gib mal her!«, meinte ich und nahm das Papier. Tatsächlich, man konnte nur wirre Schleifen und Schnörkel erkennen.
Doch plötzlich verschwammen die Buchstaben vor meinen Augen. Für einen kurzen Moment sah ich nur leeres Papier, dann erschienen langsam Wörter. Ich war baff – was war das denn für ein raffinierter Trick? Langsam las ich vor: »Liebe Freunde, die ihr an Magie glaubt…«